Die Zeugin der Anklage

Die Geschworenen haben geurteilt, der Fall ist geklärt, der Anwalt deckt noch letzte Lücken mit großem ermittlerischem Gespür auf, es wird noch schnell je-mand umgebracht – und dann fällt der „Vorhang“. Ich spreche von „Zeugin der Anklage“, dem zweiten Stück von Herrn Müllers „Schwarzer Kirsche“.

Dieses Jahr hatte man sich nach langem Überlegen für einen Krimi entschie-den, Nachfolger einer ebenfalls sehr gelungenen Komödie („Oh bitte danke!“ – ihr erinnert euch):

Der insolvente Leonard Vole wird angeklagt, eine reiche Dame, Miss Emily Jane French, mit der er vorher Bekanntschaft gemacht hatte, ermordet zu haben. Er war zur Tatzeit zu Hause bei seiner Frau; die schwerhörige Haushälterin von Miss French behauptet aber, ihn mit ebenjener sprechen gehört zu haben und Mrs. Vole, die Frau des Angeklagten, führt etwas im Schilde. Weitere Rollen spielen ein Radio, Schinken und Zigarren. Staatsanwalt Myers und Verteidiger Sir Wilfrid übernehmen den Fall...

Ein sehr langes Stück: An drei Abenden zweieinhalb Stunden 140 Seiten ge-sprochener Text – das bekam auch ich als Souffleur zu spüren. Da ist es hilf-reich, schnell zehn Seiten zu kürzen, die nicht so wichtig sind – oder sie beim Stück einfach wegzulassen. Ja, so etwas ist vorgekommen – bei so viel Text aber erstens kein Wunder und zweitens nicht schlimm, denn glücklicherweise behielt die Geschichte ihren Sinn

.

An dieser Stelle möchte ich ein großes Lob an die Schauspieler aussprechen. Vom sensationslüsternen Dienstmädchen über die nicht ganz so objektiven Anwälte Myers (super!) und Sir Wilfrid bis zu zwei Zeuginnen der besonderen Art – alle Schauspieler haben überzeugend gespielt und kräftig Lob von Herrn Müller und den Gästen bekommen. Dieses Jahr setzte sich die „Schwarze Kir-sche“ aus Schülern der Stufen 8 bis 12 zusammen, und diese klassenübergrei-fende Kombination bewährte sich von Vorstellung zu Vorstellung ein Stück weit mehr. Auf eine etwas holprige, dennoch gute Premiere folgten zwei sehr un-terhaltsame Aufführungen, die das Publikum begeisterten. Nicht zuletzt sei auch den vielen Statisten, hauptsächlich aus den Stufen 10 und 11, gedankt. Natürlich auch den Technikern, die dieses Mal ein mit kleinen Filmausschnitten versehenes Stück zu beleuchten hatten. Mord und dessen Aufklärung sahen wir nämlich auf der Leinwand, was Multimediaatmosphäre schaffte, obwohl die Geschichte ja in den 50er-Jahren spielt.

Die Inszenierung von Herrn Müller und seiner Gruppe unterscheidet sich also stark von denen unseren anderen Theatergruppen: während Herr Gritzner und seine „4-beinige Krähe“ sehr schlichte Bühnenbilder bespielen und „Tam-Tam“ das Publikum gerne mit mehreren Bühnen überrascht, sagt Herr Müller: „Ei, isch brauch´ halt ´ne volle Bühne!“ Sah man auch. Die „Schwarze Kirsche“ präsentierte uns ein ausladendes Bühnenbild, für das sie lange gearbeitet hat-te. Ja, es steckten viele Stunden und Nachmittage, ja sogar eine Theaterfahrt Arbeit in dem Stück, die von den momentanen Raumbedingungen nicht gerade unterstützt wurden. Die Gruppe war sogar bei der Generalprobe kurz davor, das Stück abzusagen, weil noch so viele Szenen geprobt werden mussten. Wie gut, dass das nicht passiert ist, denn die Schauspieler blicken nun, wenn auch etwas wehmütig, auf drei erfolgreiche Abende zurück.

Aber es ist ja nicht vorbei mit Theater, denn:

„Wer von der dritten Theatergruppe unserer Schule noch ein Stück sehen will, der akzeptiere, dass diese sich zunächst zur Beratung und zum Proben zurück-zieht und im nächsten Jahr wieder auf der Bühne ist. Man achte auf die Aus-hänge und mache, wenn möglich, mit!

Gott schütze die Königin!“

Friedemann Trutzenberg