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orientierungslos

Tam-Tam macht absurdes Theater

Die letzte Produktion der Theatergruppe TAM-TAM „willenlos“ hatte sich mit der Frage der Willensfreiheit auseinander gesetzt. Als ich nun vorschlug, das nächste Thema könnte „Orientierungslosigkeit“ sein, war die Ablehnung groß. Nicht noch einmal das Gleiche, kein Stück zur eigenen nahen Zukunft nach dem Abitur, waren die ersten Gedanken in der Gruppe. Als ich erläuterte, dass es nicht um ihre individuelle, sondern um die allgemeine Ratlosigkeit gehen sollte, war das Interesse geweckt und wir diskutierten allgemeiner: Es sollte nicht um eine etwaige Orientierungslosigkeit der jungen Generation gehen – im Gegenteil: Um die Situation unserer gesamten Gesellschaft, denn die älteren sind von Orientierungslosigkeit genauso betroffen (auch wenn sie es manchmal nicht wahrhaben wollen).

Vor 30, 40 Jahren, in der 2. Hälfte des 20.Jahrhundert boten sich viele Perspektiven an: Nicht nur im materiellen Bereich, bei den Rohstoffen und auf dem Arbeitmarkt herrschte Optimismus vor, sondern Ideologien verschiedenster Art und ausgeprägter Fortschrittsglaube wiesen viele Wege und verleiteten zum Träumen. Viele dieser Möglichkeiten erwiesen sich in den vergangenen Jahrzehnten als Irrwege, die alten Lösungsansätze greifen nicht mehr, Ratlosigkeit macht sich breit, während gleichzeitig die Welt sich in rasendem Tempo verändert und sich weiter entwickelt, besonders drastisch zu sehen bei der jetzigen Finanzkrise

Wir beschäftigten uns auf unsere Weise mit dem Thema: wir improvisierten und erspielten die verschiedensten Situationen.

Da kam an uns die Anfrage der Künstlerin und Tänzerin Susanne Kehrein, ob wir bei einer Performance zum Thema „kein Boden unter den Füssen“ mitwirken wollten. Das lag nun nahe bei dem, was uns gerade beschäftigte, und die Arbeitweise erschien uns sehr interessant, und wir sagten zu. So machten wir sowohl tags als auch nachts Erfahrungen auf schwankenden Booten auf dem See im Blücherpark und später dann auch bei der Aufführung der Performance im Kunstforum beim „Experimentellen Musik und Medienfestival: pong.de“. Es war für viele eine ganz neue Art, mit darstellendem Spiel etwas auszudrücken.

Als wir uns wieder unserem Stück zuwandten stellte sich heraus: Nicht alle waren von dieser Arbeitsweise und dem Tänzerischen begeistert, sondern es gab auch den klaren Wunsch nach einer „richtigen Geschichte“. Daraus entstand aus dem Stehgreif eine nicht ganz ernstgemeinte Handlung, die uns aber in ihrer Absurdität faszinierte. Wir klopften sie auf die Tauglichkeit in Bezug auf unsere Intention hin ab, veränderten, fügten hinzu, diskutierten improvisierten und erfanden ein interessantes und völlig abgedrehtes Personal.

Es lag nahe, sich auch absurde Theaterliteratur anzuschauen, und so stießen wir auf Samuel Beckett. Allerdings war die Situation nach dem tiefgreifenden Einschnitt der Katastrophe des 2.Weltkrieges gänzlich anders als heute: Trotz Trostlosigkeit in den Trümmern Europas gab es gleichzeitig viel zu tun: Vieles musste aufgebaut werden, eine neue, bessere Welt, in der solche Katastrophen nie wieder passieren sollten, sollte in Angriff genommen werden. In dieser Situation schrieb 1952 Samuel Beckett das Theaterstück „Warten auf Godot“ in der dieser Nullpunkt faszinierend und in seiner ganzen Absurdität auf den Punkt gebracht wird. Als wir uns mit Textauszügen Becketts näher beschäftigten, steckte uns die Prägnanz seiner Sprache an, und wir beschlossen, sie als Leitlinie unseres Textes zu nehmen und sogar einige Passagen umzuschreiben und zu übernehmen.

Da aber die Situation heute gänzlich unterschiedlich zu der damaligen ist, bekam auch unser Stück einen völlig anderen Charakter. Es ist zwar auch bei uns vieles absurd, aber es ging nicht um die Trostlosigkeit des Wartens in einer grauen Welt, sondern um Enttäuschungen und Suchen in einer grotesken, bunten Umgebung.

Die Theaterfahrt nach Oberbettingen war vor allem geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Thema, Becketts „Warten auf Godot“ und der eigenen Textproduktion, die in der lockeren, aber auch konzentrierten Atmosphäre besonders gut funktionierte.

Zurück in der Schule galt es nun, die groteske bunte Umgebung in der Aula einzurichten. Zum einen beeinflusste uns die Situation der Schulrenovierung, mit all ihren Gerüsten und Absperrungen, die die Assoziation zu einem Irrgarten nahe legte, durch den die Zuschauer zu ihren Plätzen geleitet wurden. Die ganze Aula wurde zum Spielort, die Zuschauer waren Teil der orientierungslosen Situation, ebenso wie die Musiker, die nicht nur für den Sound sorgten, sondern auch ins Spiel eingriffen. Zum anderen lag es nahe, viel mit Lichtkonstruktionen zu arbeiten, da wir einen langjährigen Beleuchter der Aula-Technikgruppe unter den Mitspielern hatten. So wurden die Illusionen, konkretisiert in der Pyramide, durch Licht und Nebel erzeugt.

„Wir hatten einen Traum! – Jetzt nur noch Steine.“ „Die ganze Technik macht mich frieren“ „Hast du Angst? Ja, vor der Freiheit, sie lähmt mich“ „Es gibt kein schwarz und weiß – alles ist bunt“ „Viel zu tun, nichts zu machen“

Die Gartenzwerge im Schatten der Pyramide wissen nicht, wo der Weg ist… Und auch dem Publikum wurde der Weg nicht gewiesen, sondern im Gegenteil die Frage nach dem Sinn des Ganzen gestellt. Die Reaktionen der Zuschauer zeigten uns, dass die Mischung aus Groteske und Ernsthaftigkeit funktionierte und viel Gesprächsstoff ergab