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Gespannte Stille im Musikraum. Erwartungsvolle Blicke streifen abwechselnd den CD-Player und das leere weiße Notizblatt vor uns auf den Tischen – Ruhe vor dem musikalischen Sturmsignal grell tremolierender Streichermassen,

über denen sich ein gewaltiger Blechbläserberg triumphierend erhebt, bedrohlich bebend auftürmt und eindrucksvoll phantastische Bilder vor unser geistiges Auge schleudert, aus denen sich nach und nach assoziativ gemalte Kopfkinoszenen entwickeln:
Da spielen Naturkräfte in Gestalt riesiger schwarzer Wellen eines stürmisch aufgewühlten Meeres mit einem kleinen verlorenen Segelschiffchen(siehe Foto: Szenenbild); dort wird ein Mann auf der ruhelosen Suche nach innerem Frieden zwischen Abenteuerlust und Heimweh, zwischen dem Drang nach Unabhängigkeit und der Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit hin und her gerissen; an anderer Stelle verbreitet ein jähzorniger, streitsüchtiger Herrscher Angst und Schrecken; und hier demonstrieren böse Mächte ihren verhängnisvollen Einfluss, indem sie einen Fluch über eine Prinzessin aussprechen, der diese in einen Schlaf zwischen Leben und Tod versetzt.
So unterschiedlich die Handlungen unserer individuellen Kopfkinogeschichten auch verliefen, so behandelten sie auf erstaunliche Weise ein gemeinsames Thema: den menschlichen Kampf gegen innere und / oder äußere Kräfte, verbunden mit der märchenhaft-romantischen Hoffnung auf Rettung. Doch wie war dies möglich? Und wer oder was führte letztlich sogar unsere Geschichten zu einem versöhnlichen, erlösenden Ende, das jenes hilflose Segelschiff über eine beruhigte See zum sicheren Ufer geleiten ließ, das jenen ruhelosen Mann einen Kompromiss zwischen Einsiedlertum und Familienleben an einem abgeschiedenen Ort in der Natur finden ließ, das jenen Furcht erregenden Herrscher besänftigen und das jene mit dem Todesschlaf ringende Prinzessin über den Liebeszauber eines heldenhaften Prinzen wiederbeleben ließ? Es war unsere Inspirationsquelle: die Ouvertürenmusik zu Richard Wagners (1813-1883) romantischer Oper „Der Fliegende Holländer“ (1841). Ihr musikalischer Ausdruck „schwankt zwischen gut und böse“ schrieb ein Mitschüler zur Beschreibung der wechselnden Stimmungswelten zwischen dramatisch-aufbrausenden und entspannend-sanften Musikabschnitten. Diese lösten in uns widersprüchliche Gefühle von Furcht, Einsamkeit, aber auch Glück und Zuversicht aus, die uns an eigene alltägliche Erlebnisse sowie an märchenhafte Erzählmuster erinnerten und so unsere assoziativen „Musikgeschichten“ nährten.
Richard Wagner erklärte 1851 sinngemäß in seiner Schrift „Eine Mitteilung an meine Freunde“, die Stimmung, die die Handlung der Oper „Der Fliegende Holländer“ präge, gehe auf einen typischen Zug des menschlichen Wesens zurück: „die Sehnsucht nach Ruhe aus Stürmen des Lebens“. Genau diese emotionale Bedeutung hatten wir unbewusst aus dem romantischen Gestus der Eröffnungsmusik, die das gesamte musikalische Geschehen der folgenden Oper durch melodische und leitmotivische Anklänge vorbereitet, herausgelesen und im Kopfkino mit unseren realen oder fiktionalen Lebenswelterfahrungen wie Naturkatastrophen, seelischer Zerrissenheit, Streit oder Machtkämpfen verknüpft.
Nun wollten wir natürlich die Geschichte hinter der Opernmusik Wagners kennen lernen und auf diese Weise erfahren, über welche Vorstellungen des Komponisten jener Ausdrucksgestus in die Musik hineingeschrieben worden war. Ähnlich wie in unseren Geschichten vermischen sich auch bei ihrer Entstehung biographische Realität und literarische Fiktion. Zum einen berichtet Wagner seit 1842 in verschiedenen autobiographischen Schriften, dass ihn eine abenteuerliche Seefahrt über eine von heftigen Stürmen heimgesuchte See zum Schreiben seines musikdramatischen Werks „Der Fliegende Holländer“ inspiriert habe, die er auf einem kaum seetüchtigen Segler 1839 von Riga nach London hatte unternehmen müssen und die ihn aufgrund vieler lebensgefährlicher Zwischenfälle an die unheimliche Seemannssage vom Fliegenden Holländer erinnert hatte. Zum anderen erhielt er die konkrete Anregung zum Opernlibretto, dem Textbuch zur Oper, aus mehreren zeitgenössischen literarischen Bearbeitungen jener Sage.
Sie handelt von einem holländischen Kapitän, der nach einem gescheiterten Versuch, das „Kap der Guten Hoffnung“ zu umfahren, Gott verflucht. Er schwört, sich den Naturgewalten nicht zu ergeben, sondern bis zum jüngsten Tag weiterzusegeln, woraufhin Satan diese Wette annimmt und ihn mit einem Fluch belegt, durch den er auf ewig dazu verdammt ist, mit seinem blutroten Geisterschiff die sieben Weltmeere ziel- und ruhelos zu durchkreuzen. Doch ein Engel schafft es, den Fluch abzumildern, sodass er durch die Liebe und bedingungslose Treue einer Frau erlöst werden kann. Um diese zu finden, darf er alle sieben Jahre für kurze Zeit Land betreten. Auf einem seiner Landgänge trifft er auf den norwegischen Kaufmann Daland, der ihm – beeindruckt von den Goldschätzen auf dem Schiff des Holländers – seine Tochter Senta verkauft. Diese kennt und liebt die Sage des unglücklichen Seemanns so sehr, dass sie sein Bild anbetet und sich selbst mit der Rolle der Erlöserin identifiziert. Trotz verzweifelter Warnungen ihres Verehrers Erik, eines Jägers, schwört sie dem Holländer ewige Treue und wählt schließlich den Freitod als Treuebeweis. Dadurch wird der todessehnsüchtige Fliegende Holländer von seinem Fluch befreit und kann sterben.
Da die Texthandlung für die szenische Umsetzung auf der Bühne gedacht ist und Theater und Orchestermusik untrennbar miteinander verbunden sind, indem alle Texte gesungen werden und die Musik die Figuren mit musikalischen Mitteln charakterisiert, haben wir uns während eines mehrstündigen Kompaktworkshops im Rahmen des Musikunterrichts über verschiedene szenische Übungen und musikbezogene Gestaltungsaufgaben den einzelnen Charakteren angenähert: Mit Standbildern
(siehe Foto: „Der Treuebeweis“) stellten wir zunächst wichtige Szenen aus der Oper nach, um die Handlung lebendig werden zu lassen und die Beziehungen der Figuren sichtbar zu machen. Danach versetzten wir uns in die Rollen der beiden Hauptfiguren Holländer und Senta und versuchten, mit Hilfe des musikalischen Ausdrucks ihrer Auftrittsarien – der Gesangsstücke, mit denen sie sich in der Oper zum ersten Mal auf der Bühne vorstellen – Rollenbiographien zu verfassen und aus ihnen heraus eine fiktive Festszene aus dem Stück zu spielen (siehe Foto: Rollenspiel). Abschließend komponierten wir an Keyboards zu den beiden Hauptfiguren kurze Leitmotive, eingängige Leitmelodien, die ihre Charaktereigenschaften oder Emotionen vertonten.
Denn Richard Wagner verwendet in seiner gesamten Oper Wiedererkennungsmotive, musikalische Bausteine mit Verweisungscharakter für die Hauptfiguren Holländer (Holländer- und Geisterrufmotiv) und Senta (Treue- und Erlösungsmotiv) sowie für charakteristische Erscheinungen (Sturmmotiv), um die Zuhörer musikalisch durch die Geschichte zu leiten und einzelne Handlungsereignisse bedeutungsvoll miteinander zu verknüpfen. Beim Vergleich eines unserer selbst erfundenen Holländer-Leitmotive in Anlehnung an die „Final Countdown“-Melodie von Europe mit dem Original des Komponisten staunten wir dann nicht schlecht, wie viel moderner „Final Countdown“-Habitus im heroisch aufsteigenden Holländermotiv Wagners steckt und wie nah wir dieser schillernden Sagenfigur in Wagners Oper über unsere musikalisch-szenische Arbeit kommen konnten.
Zugleich bemerkten wir aber auch, dass bereits beim In-Szene-Setzen der Rollenbiographien jede Figur ein wenig anders wirkte, weil wir als Regisseure anhand der Musik und des Rollentextes zum Teil unterschiedliche Vorstellungen von den Figurentypen entwickelten. Und wie wäre dies erst, wenn Kostüme, Requisiten und ein ganzes Bühnenbild eine fiktive Welt um die Figuren herum erschaffen?
Um dies live erleben und die Oper nicht nur als musikalische Gattung des Musiktheaters im schulischen Kontext, sondern auch als kulturelles Veranstaltungsformat in der Lebensrealität kennen lernen zu können, wechselten wir am Abend des 11. Mai 2012 in Begleitung unserer Lehrerinnen und Lehrer Frau Hürter, Frau Molderings, Frau Rosenmüller, Herr Bechtel und Herr Warnat sowie einiger Eltern vom Musikraum unseres AMG in den Opernsaal des Kölner Opernhauses, wo wir die neue Inszenierung des „Fliegenden Holländer“ gemeinsam als Klasse besuchten. In zweieinhalb Stunden Opernaufführung durchlebten und durchlitten wir nun mit den Opernsängerinnen und -sängern auf der Bühne und den Orchestermusikerinnen und -musikern im Orchestergraben das Schicksal des verfluchten Holländers und seiner Erlöserin Senta. Sowohl für die Künstler wie auch für uns als Publikum bedeutete dies Schwerstarbeit, da die Oper gemäß Wagners Wunsch, den Stimmungsbogen der unheimlichen Holländersage nicht zu unterbrechen, ohne Pause dargeboten wurde. Zudem ist Wagners Opernwerk aufgrund langer Szenen mit großen Gesangspartien nie leicht zu konsumieren sowie aufzuführen und stellt für die Darsteller eine große körperliche und geistige Herausforderung dar, weil sie sehr ausdauernd singen und gleichzeitig ausdrucksvoll schauspielern müssen. So war es eine anstrengende Veranstaltung, deren Gesamteindruck des riesigen Opernsaals mit gefülltem Publikumsraum, aufwändig gestaltetem Bühnenbereich und musikalisch-schauspielerischen Höchstleistungen dennoch eine große Wirkung auf uns gemacht hat, wie wir in der folgenden Musikstunde bei einem das Opernprojekt abrundenden Reflexionsgespräch feststellen konnten.
Das Beeindruckendste war sicherlich für die meisten von uns der weitläufige Bühnenraum mit einer Drehbühne, die das Bühnenbild je nach Bedarf wenden und somit abwechselnd eine mystische Schiffsszenerie oder die gemütliche Spinnerstube Sentas andeuten konnte. Außerdem bot der tiefe Hinterbühnenraum die Möglichkeit für spezielle Raumeffekte, die es beispielsweise so aussehen lassen konnten, als betrete etwa die furchterregende Geistermannschaft des Holländers aus weiter dunkler Ferne die Schiffsrampe. Zum Schluss sei erwähnt, dass wir uns anhand von aufführungsbegleitenden Beobachtungsaufträgen auch über die Anlagen der Figurenrollen austauschten, die teilweise zwar von unseren Rollenvorstellungen abwichen, aber sehr überzeugend wirkten, was durch die künstlerische Professionalität der Sängerinnen und Sänger unterstützt wurde, die musikalischen und schauspielerischen Ausdruck durchweg in Einklang brachten.
Insgesamt war das Opernprojekt eine sehr gute und intensive Erfahrung für uns, selbst wenn speziell dieses Opernwerk von Richard Wagner möglicherweise nicht jedem von uns gefallen hat. Daher sind viele von uns der Meinung, jeder sollte sich mit dem Thema Oper befassen und mindestens eine Oper im Leben ansehen, um viele neue Eindrücke für sich zu sammeln. Vielleicht findet ja der eine oder die andere von uns in einigen Jahren noch einmal den Weg ins Opernhaus, um ein weiteres Werk der traditionsreichen Operngeschichte kennen zu lernen.

Ines Hürter
in  besonderer Zusammenarbeit mit Carla Kneuper, Melike Salipasaoglu, Paul Labusga, Finn Thelen (8 a) sowie allen anderen Schülerinnen und Schülern der Klasse 8a im Schuljahr 2011 / 2012

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