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Stell dir vor, du gehst denselben Weg entlang, den unzählige Menschen verwendet haben, um in ihren Tod zu laufen. Deine gesamte Gruppe ist still.

Als du am Ende des Pfades auf dem Denkmal stehst, das an all die Opfer gedenken soll, siehst du das gesamte Lager Birkenau vor dir und dir fällt auf, es ist unmöglich zu beschreiben, wie man sich hier fühlt.

 

Auschwitzfahrt 2025

 

In Auschwitz und seinen Nebenlagern (das Stammlager, Birkenau, Monowitz) wurden im Laufe ihrer Existenz ca. 1,1 Millionen Menschen getötet. Davon waren 960.000 Juden. Das sind etwa 87%.

Wir waren dort. Wir waren an dem Ort, wo sich all diese Grausamkeiten abgespielt haben. Wir sind in ihre Fußstapfen getreten, wir waren in den Baracken, in denen sie gewohnt haben, und wir standen auf den Böden, die vor 80 Jahren mit ihrer Asche bedeckt wurden.

Wir, als Auschwitzfahrtgruppe 2025, weisen jede Person unter der Jahrgangsstufe 11 darauf hin, sich bei dieser Fahrt anzumelden. Das ist ein Erlebnis, ein Gefühl, das euch niemals jemand wegnehmen kann.

 

Die Unterkunft, in der wir untergebracht waren, hieß Villa Centro. Das Gelände war relativ geräumig, mit einem Innenhof, Hecken und einem großen Baum in der Mitte des Platzes. 

Als wir ankamen, gab es ziemlich direkt Mittagessen, kurz danach sind wir dann erneut in den Bus gestiegen und haben uns in die Innenstadt von Oswiecim aufgemacht. Zuerst haben wir uns das örtliche jüdische Museum und die Synagoge angesehen. Darauf folgte eine kleine Stadtführung. 

Die Stadt war klein und verschlafen, nur wenige Leute waren unterwegs (was wahrscheinlich am Wetter lag)

Am späten Nachmittag sind wir dann in die Unterkunft zurückgekehrt, wo es für uns Abendessen gab und nach der ganzen Erschöpfung legten wir uns alle schnell schlafen.

 

“Arbeit macht frei”. Als ich das Schild zum ersten Mal in Echt sah, fühlte ich mich auf einmal ganz anders. Was vorher nur auf unseren Bildschirmen zu sehen war, hing plötzlich über uns.

Das Stammlager setzte sich aus kleinen Häusern zusammen, die wir als Gruppe betreten konnten. Sie waren in Reihen angeordnet, immer zwei gegenüber voneinander, sodass in der Mitte eine Art Straße entstand. Das gesamte Gelände des Stammlagers war mit Birkenau. Die beiden Lager waren sehr verschieden. Der größte Unterschied war zweifellos die Größe und die freien Flächen, die sich scheinbar bis in die Unendlichkeit erstreckten. Stacheldraht umzäunt. Die Straße war zusätzlich noch von einer Allee von Bäumen abgegrenzt. Vom Regen in der Nacht davor war der Boden matschig. 

Mit uns waren auch viele andere Gruppen dort, jedoch sprach kaum jemand. Innerhalb und außerhalb der Gebäude war es sehr still und der Nieselregen verstärkte die Stimmung.

Es gab viele besonders eindrucksvolle Räume. Eine Vitrine mit Kinderschuhen, ein Buch mit allen bestätigten Namen der Todesopfer oder ein Raum, an dem Bildschirme von der Decke hingen, die Reden von Hitler, Goebbels und anderen hochrangigen Nationalsozialisten abspielten. Sie wiederholten ihre Parolen und Schlagwörter immer und immer wieder. Und was taten die Menschen? Sie steckten die rechte Hand aus und jubelten.

Wir verließen zermürbt das Lager. Viele von uns hatten sich eine längere Führung gewünscht, aber wenn man zurückschaut, noch mehr Stoff zu verarbeiten, hätte vermutlich niemandem von uns gutgetan. 

Das war aber nur der erste Tag in Auschwitz. Am nächsten Tag ging es in das Nebenlager Birkenau. Alle haben sich extrem unwohl gefühlt. Es war fast schon gruselig. Im Stammlager war man immer von anderen Gruppen umgeben und man bewegte sich ausschließlich zwischen den eng stehenden Häusern, in Birkenau war das ganz anders: Leere Wiesenflächen mit lediglich ein paar Ruinen, Bahngleisen und dem großen Eingangstor. Weite, von Zäunen umzogene, Strecken, die von diesen riesigen Steinpfahlern festgemacht wurden, die über das ganze Gelände hinausragen.

In Birkenau haben wir uns Fotos angeschaut. Fotos aus der Zeit, in der die Nummern noch Menschen waren. Menschen mit Gefühlen, Gedanken und Persönlichkeiten. Besonders hängengeblieben ist bei vielen die Abbildung eines Babys. Es lag auf dem Bauch und lachte die Kamera an. Es erweckte in uns die pursten Emotionen. Es war so unschuldig, eine Kreatur, die völlig neu auf diesem Planeten war, die all das nicht mitbekommen kann und trotzdem leiden muss.

Der Besuch im Stammlager hat bei uns andere Emotionen ausgelöst, als die Tour im Stammlager, beide Orte waren jedoch von purer Trauer umhüllt. Birkenau fühlte sich einfach leerer an. Es gab mehr Raum zum Nachdenken. Das war beängstigend.

 

Birkenau war aber nur die erste Hälfte dieses Tages. Vom Vernichtungslager wurden wir mit dem Bus in die kleine Stadt Harmeze gefahren. Dort angekommen, haben wir zuerst in einem Franziskanerkloster bei den Nonnen gegessen. Sie haben nur polnisch und italienisch gesprochen und trotz der Sprachbarriere waren die drei Frauen super nett und haben oft mit uns geredet.

In dem Kloster hatten wir auch die Ehre mit Stefania Wernik, einer Auschwitzüberlebenden, ein Gespräch zu führen. Sie erzählte uns von ihrer Lebensgeschichte auf polnisch und Barbara (unsere Betreuerin) übersetzte für uns.

Frau Wernik berichtete von ihrer Mutter, die schwanger nach Auschwitz gebracht wurde. Sie wurde im November 1944 geboren und, obwohl sie nur die ersten beiden Monate ihres Lebens im Lager verbrachte, trug sie ihr gesamtes Leben lang die Folgen davon mit sich. 

Mehr Informationen zu Frau Wernik findet ihr in der kommenden Themenwoche zum Thema Auschwitzfahrt.

 Nach dem Gespräch gingen wir zu einer Kirche direkt nebenan, unter der sich die Ausstellung des Künstlers Marian Kolodziej befindet. 

Marian Kolodziej hat Auschwitz überlebt und viele Jahre später begann er, nach einem schweren Unfall, seine Erlebnisse im Lager zu verarbeiten, indem er sie zu Papier brachte.

Die gesamte Ausstellung ist wirklich extrem bewegend und die Bilder sagen mehr als tausend Worte.

Unsere letzte Aktivität am dritten Tag war ein Ausflug zur alten Judenrampe, wo vor der Errichtung der Rampe in Birkenau die Juden eingeliefert wurden. Dort hielten wir unsere Abschlusszeremonie, die von Nisa, Leyla, Georg und Matilda geleitet wurde, um an alle Opfer zu gedenken.

 

Nach zwei Tagen in den Konzentrationslagern, haben wir unsere Fahrt in Krakau beendet. Unsere Guides haben uns erklärt, dass wir diese Fahrt nicht nur mit den Eindrücken in Auschwitz verbinden sollen, sondern auch schöne Erlebnisse haben sollen und genau dazu war der Tag in Krakau da.

Als Gruppe hatten wir tatsächlich viele schöne Erlebnisse. Von Trompetenspielen vom Dach einer Kirche, über tanzende Holzfiguren in einer alten Uhr, bis zu alten Cafes mit heißer Schokolade.

Barbara, unsere Guide, hat uns in ihrer Heimatstadt herumgeführt und in der zweiten Hälfte des Tages konnten wir selbst die Altstadt erkunden. Wir haben uns die wichtigsten Orte angesehen. Zum Beispiel der Rynek (=Marktplatz) mit der überdachten Marktstraße (Sukiennice) und der Marienkirche. Aus ihrem Turmfenster spielt jede volle Stunde ein Musiker ein Trompetenlied.

Unsere Führung brachte uns außerdem zur Burg Wawel, die damals als Regierungs- und Wohnsitz der Könige genutzt wurde. Vor dem Gebäude steht die Statue eines feuerspeienden Drachen, der einst in einer Höhle am Bergrand gelebt haben soll.

Unser Tag wurde dann mit einem Besuch im jüdischen Restaurant im alten, jüdischen Teil Krakaus beendet. Unser Dreigängeessen wurde von Klezmermusikern (traditionelle jüdische Instrumentalmusik) begleitet.

 

(ein Nachwort von Ida)

Im Nachhinein wird mir klar, wie wichtig diese Fahrt wirklich war. Natürlich wussten wir alle, was uns erwarten würde, aber in einer Weise wussten wir es auch nicht. 

Eine der ersten Dinge, die ich direkt nach unserer Rückkehr gemacht habe, war, meine Oma anzurufen. Sie ist nie dort gewesen. Ich konnte ihr sagen, wie nah ich ihrem Großvater gekommen war. Er wurde drei Tage nach seiner Ankunft in Auschwitz ermordet.

Meiner Meinung nach ist es die wichtigste Fahrt, die unsere Schule anbietet. 

Um ehrlich zu sein, selbst nach all diesem Text, sind Worte nicht genug, um diese Geschichte zum Leben zu erwecken. Menschen unsere Erlebnisse näher zu bringen, ohne dass sie selbst dort waren, ist sehr frustrierend, denn wie gesagt, Worte können nur ein Stück des Weges darstellen.

Man könnte versuchen, die wichtigsten Sachen der Welt mit Worten zu beschreiben, aber es sind die gleichen Worte, die man verwendet, um über sein Essen, seine Hausaufgaben oder über sein Wochenende zu reden. All diese Informationen werden mit den selben Kommunikationsmitteln übertragen.

Wir reden so viel.

Manchmal zu viel.

Wichtige Themen gehen oft verloren.

Am Ende des Tages sind das hier nur Wörter auf einem Bildschirm, Buchstaben auf einer Website, wir können nicht erwarten, dass sich jeder etwas darunter vorstellen kann. Die ganze Sache scheint so realitätsfern. So weit von Köln und dem Jahr 2025 entfernt.

Natürlich kennen wir alle Auschwitz. 

Wir wissen alle, was passiert ist.

Aber wir waren nicht dabei. 

Man kann es also nicht aus einem Text verstehen. Man kann es nicht verstehen, wenn man nicht dort gewesen ist.

Deshalb möchten wir diesen Beitrag mit einer Bitte beenden.

Wir bitten alle Schüler, die nächstes Jahr die Möglichkeit haben, an der Auschwitzfahrt teilzunehmen, sich dafür anzumelden. Tut es. Verfasst euer Bewerbungsschreiben.

Nach Auschwitz zu fahren ist von unglaublicher Bedeutung, nicht nur für euch, als Personen, sondern auch für unsere Gesellschaft, unsere Menschlichkeit.

 

“Those who cannot remember the past are condemned to repeat it”

George Santayana

 

Ein Beitrag von Ida K. und Max W.

 

Schild   B1

 Tafel   B2